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Die Einordnung vor der anstehenden Nationalen Maritimen Konferenz 2021 (NMK) und die neuesten Entwicklungen zu Pandemie, Klimawandel, globaler Wettbewerb und zunehmende Handelsschranken wollte das MHF Berlin coronabedingt online vornehmen. Die Premiere der MHF-Videokonferenz ist mit rund 130 aktiven Teilnehmern mit voller Fahrt geglückt ...


Am 25. März 2021 stimmte Ralf Nagel als derzeitiger Vorsitzender des Lenkungskreises des Maritimen Hauptstadt Forums (MHF) die rund 130 Online-Konferenzteilnehmer auf die Herausforderungen der maritimen Wirtschaft im Vorfeld der Nationalen Maritimen Konferenz 2021 ein. Denn die Herausforderungen für eine gute wirtschaftliche Zukunft Deutschlands lassen sich nur mit guten maritimen Fähigkeiten verbinden. Dazu gehöre der marktfähige Schiffbau, der ökonomische und nachhaltig ökologische Betrieb und die Logistik auf internationalem höchsten Niveau sowie die Sicherung internationaler See- und Handelswege im Verbund mit anderen Nationen. Durch die Videokonferenz moderierte Stefan Evers vom Verband Deutscher Reeder (VDR) mit seiner fachlich kompetenten und kurzweiligen Art. Hier finden Sie die Schnellnaviagtion zu den Themenblöcken der Konferenz:

MHF Norbert Brackmann KoordinatorMaritimeWirtschaft 450px
Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die Maritime Wirtschaft

Keynote

In seiner Keynote betonte Norbert Brackmann, MdB als Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft die positiven Trends nach oben in den letzten Jahren nach der Finanzkrise 2008/2009 im Schiffbau. Jedoch bremste die Pandemie diesen Erholungskurs jäh und kehrte ihn ganz besonders dramatisch bei der Kreuzfahrtschifffahrt um. Nun seien Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen stark gefährdet und das nicht nur beim Bau von Kreuzfahrtschiffen. Das trifft nicht nur die Werften, sondern in Teilen auch die Zulieferindustrie. Im Konjunkturpaket der Bundesregierung wurden als Reaktion im letzten Juni [2020] rund 1 Mrd. € für den maritimen Bereich zur Verfügung gestellt, um Impulse für die Infrastruktur mit den Wasserstraßen, Häfen bis hin zum Schiffbau zu geben. Gleichzeitig wurden mit dem Vorziehen von öffentlichen Schifffahrtsaufträgen und Förderungen für Forschung und Entwicklung Möglichkeiten geschaffen, der maritimen Branche einen Fahrweg durch die Krise aufzuzeigen sowie die Technologieführerschaft zu halten und zu stärken. Als großes Ziel steht am Ende die Entwicklung eines Null-Emissionsschiffs. Das sei ein wichtiger Schritt zur Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele.

Zur klimaneutralen Schifffahrt gehören nicht nur neue Antriebe, sondern auch die Infrastruktur an Land wie die Versorgung mit Landstromanlagen. Klimaneutrale Schifffahrt vom Kraftstoff bis zur Versorgung aus erneuerbaren Quellen soll so neue Trends auf dem Weltmarkt setzen. Mit einem Investitionsförderprogramm stellen Bund und Länder Finanzhilfen zur Einführung von Landstromanlagen in See- und Binnenhäfen zur Verfügung. Außerdem werden Forschung und Entwicklung weiter gefördert, damit die Brennstoffzelle zur Marktreife entwickelt und durch die Nationale Wasserstoffstrategie des Bundes weiter flankiert wird. Die Digitalisierung in der maritimen Branche wird speziell durch das gut nachgefragte IHATEC-Programm des BMVI gefördert, das gerade erst verlängert wurde. Die Digitalisierung trägt nicht nur dazu bei, den Verkehrsträger Schiff effizienter und Abläufe in der Logistik schneller zu machen. Gleichzeitig trägt die Digitalisierung so auch dazu bei, Umwelt und Klima zu schützen und zu verbessern. Die Zukunft des maritimen Sektors liegt in Europa, denn nur durch europäische Zusammenarbeit wird es gelingen, wettbewerbsfähig zu bleiben und sich gegen Konkurrenten insbesondere aus Asien weiterhin behaupten zu können. Für den freien Welthandel bleibt der Seeweg, über den 90 Prozent der Waren transportiert werden, die Grundvoraussetzung. Damit hat das Bundeskabinett auch die Marine beauftragt, indem es z.B. die Operationen „Irini“ im Mittelmeer (EUNAVFOR MED IRINI) und die Anti-Piraterie-Einsätze wie ATALANTA bis April 2022 verlängerte. Der direkte Zusammenhang mit der Sicherung der Seewege durch die Deutsche Marine an diesen Beispielen zeige deutlich, dass Deutschland eine starke Marine mit gut ausgestatteten Einsatzgeräten benötige. Dies ist auch ein wesentlicher Grund für die Erklärung des Überwasserschiffbaus zur Nationalen Schlüsseltechnologie. Herr Brackmann forderte aber auch ein besseres Miteinander zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer, damit Vergabeverfahren nicht weiter verzögert würden. Corona habe sich nicht nur wirtschaftlich sondern auch direkt an Bord ausgewirkt: Die Sicherheit der Seefahrt wurde dadurch gefährdet, dass hunderttausende Seeleute massiven Belastungen ausgesetzt waren, weil sie wegen der Pandemie zum Teil monatelang länger an Bord bleiben mussten, nicht ausgetauscht werden konnten oder an Land strandeten und nicht in ihre Heimat zurückreisen konnten. Der Maritime Koordinator bedauert, dass statt persönlicher Treffen zur 12. Nationalen Maritimen Konferenz (10./11. Mai 2021) nur eine virtuelle Konferenz möglich sein wird, aber freut sich auf das spannende und umfangreiche Programm.


Siebter Bericht der Bundesregierung über die Entwicklung und Zukunftsperspektiven der maritimen Wirtschaft in Deutschland (Vorabversion: Stand 18.03.2021)

pdf2021-03-18_MaritimerBerichtVorabversion_Drucksache1927975.pdf (80 Seiten | 2,2 MB)


 Block A: Vernetzung und Handlungsspielräume – Ist Deutschland abhängig von der See?

MHF IfW Kiel Professor Gabriel Felbermayr 2021 Professor Gabriel Felbermayr, Präsident Institut für Weltwirtschaft - Kiel
Professor Gabriel Felbermayr
als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (Kiel) und Christian Bock als Vorsitzender des Deutschen Maritimen Instituts (DMI) verdeutlichten vor der Kulisse des Kieler Fernwärmetunnels eindringlich unsere Abhängigkeiten von Versorgungslinien unter, durch und auf dem Wasser. Herr Felbermayr hob im einführenden Video hervor, dass Deutschland unter den G7-Ländern am stärksten mit der Weltwirtschaft verflochten ist. 70 Prozent des deutschen Primärenergiebedarfes werden durch Importe aus dem Ausland gedeckt – auch wenn bisherige durch zukünftige grüne Energieträger wie z.B. „grüner Wasserstoff“ ersetzt würden. Die Abhängigkeiten setzen sich in vielen Bereichen fort: So importierte Deutschland im Jahr 2019 bereits 20 Mio. Laptops und besitzt dafür keine eigene Produktion. Drei Viertel unserer in Deutschland hergestellten PKWs werden exportiert und wachsende Anteile davon außerhalb Europas. Die Versorgungssicherheit und die Wege für den deutschen Export sind von zentraler Wichtigkeit, denn wenn dort Probleme auftauchen, steht in Deutschland die Produktion und damit sind Arbeitsplätze bis zu den Exporterlösen unmittelbar gefährdet. Der deutsche Wohlstand ist davon abhängig, dass unsere Verkehre sicher funktionieren. Von den Datenströmen unter Wasser, über Schleusen und Häfen bis hin zum freien Zugang zu den Seeverbindungslinien mit anderen Ländern sind diese Lebensadern im Verbund mit Partnern zu schützen.


Introvideo: Professor Gabriel Felbermayr (ifw Kiel) und Christian Bock (DMI)


MHF Flottillenadmiral Christian Bock 2021Flottillenadmiral Christian Bock, Vorsitzender Deutsches Maritimes Institut (DMI)Christian Bock verwies auf die Ereignisse wie die jüngste Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal, der Tsunami in Japan, bis zur Pandemie in Hubei, die sich direkt auf die Lieferketten in Deutschland auswirken. Wichtig ist es, einerseits diese Lieferketten gut zu verstehen und die Verletzlichkeiten zu kennen und dann die notwendigen Maßnahmen zur Absicherung zu ergreifen. Denn kaum einer wüßte wohl derzeit, wie viele Einwegspritzen oder Platinen für 80-Grad-Kühlschränke in dem querstehenden Containerschiff oder den inzwischen weit über 300 wartenden, weiteren Schiffen beiderseits des Suezkanals auf ihre Auslieferung bei uns warten? Dadurch könnte es folglich auch zu weiteren Verzögerungen oder Verschiebungen in der Impfstrategie in Deutschland kommen, merkte auch Christian Bock an. Auch Szenarien, die solche Engpässe „künstlich“, also gezielt herbeigeführt würden, müsse man bedenken und diese auch transparent auf der NMK diskutieren: Denn auch für solche Gefahren für das große Rad der Weltwirtschaft sollten Antworten gefunden werden.

Norbert Brackmann appellierte dazu, Deutschland in der global verknüpften Situation zu sehen mit allen Abhängigkeiten der Lieferungen, der Leistungen, der Wertschöpfung und des gesamten Handels. Er führte aus, dass wir ein starkes Europa brauchen, um die Sicherheit auch wieder gemeinsam mit den Amerikanern zu bieten.

Moderator Stefan Evers fragte dazu nochmals nach: Welche Rolle spielt die maritime militärische Sicherheit der Seewege?

Als Vorsitzender des DMI betonte Christian Bock, dass Zoll, Bundespolizei See, die Sicherung der Hafen und die Absicherung unter Wasser zivile Aufgaben sind, die insgesamt zur maritimen Sicherheit beitragen. Neben der Verlängerung der offiziellen Mandate wie Atalanta helfen uns vor allem auch internationale Partner dabei andere Bereiche zu schützen. Maritime Sicherheit ist daher eher als ein Gesamtkonzept zu verstehen, das weit über die Marine hinausreicht.

Rainer Brinkmann, Vizeadmiral sowie Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte, ergänzte zu der wirtschaftlichen Betrachtung den türkisch-griechischen Disput um die Bodenschätze im Mittelmeer bis hin zum „Fluchtpunkt Küste“, um über die Seebrücke andere Kontinente erreichen zu können. Die Marine sei auch ein gutes politisches Gestaltungsmittel, wie in der Operation United Nations Interim Force in Lebanon [UNIFIL seit 1978 damit eine der ältesten aktiven UN-Beobachtermissionen] zu sehen. Damit soll die Marine auch ein ganz breites Spektrum bedienen und ist aber auch am Anschlag. Der Marinebeitrag beim aufbrechenden oder sich verschärfenden Konflikt im Golf von Guinea führt die Marine an die Grenze des Machbaren. Im Mittelpunkt der Marine steht daher gar nicht der Wunsch nach immer mehr, sondern angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung zumindest die Realisierung der insgesamt bescheidenen Pläne. Nichts desto trotz wird man die internationalen Herausforderungen nur im Rahmen von Partnerschaften, von Bündnissen und Koalitionen bewältigen können. Insofern ist es ein wichtiges Signal der Solidarität mit der Operation im asiatischen Raum, den Partnern klar zu signalisieren, dass wir willens sind, den Solidarbeitrag auch zu leisten. Es dient aber auch offensichtlich nicht als Vorbereitung, um eine Auseinandersetzung in Fernost zu führen, sondern vielmehr als Lastenverteilung (burden sharing) und Anerkennung für die Partner, die ihre Leistungen an anderer Stelle der Welt erbringen. 

Stefan Evers stellte die in den Medien bereits viel diskutierte Frage: "Wird angesichts der Pandemie die lokale Lieferkette/Produktion wieder nach Deutschland verlagert werden können?"

Professor Felbermayr: Die Pandemie habe das Bewusstsein zwar deutlich geschärft und im Europäischen Parlament wird fast täglich über die Lieferketten nachgedacht. Der Vorstellung, dass wir Produktionen großflächig nach Deutschland zurückholen, erteilte Felbermayr eine klare Absage. Denn internationale Arbeitsteilung stärkt uns insgesamt, erhöht das Pro-Kopf- Einkommen und ermöglicht breitere, außen- und sozialpolitische Spielräume. Insgesamt gehen die Berechnungen davon aus, dass sich der Wohlstand in Deutschland ohne direkten Zugang zu den Weltmärkten um mindestens vierzig Prozent und vielleicht mehr reduzieren würde. Er mahnte vor internationalen Abhängigkeiten, die auch von anderen Parteien oder terroristischen Organisationen opportunistisch missbraucht werden können und, dass nach dem Ende des „kalten Krieges“ dieses Erpressungspotenzial nicht transparent diskutiert wurde. Für den Freihandel sei es immens wichtig, die Abhängigkeiten zu mildern durch Diversifizierung, intelligentere Lagerhaltung, optimierte Logistik bis Lieferzuverlässigkeit sowie sich insgesamt resilienter zu machen. Umgekehrt versichern uns der internationale Handel und das Netzwerk für den Fall von Schocks oder Naturkatastrophen in Deutschland und sollten uns möglichst gut wappnen.

Stefan Evers faßte es zusammen, dass die Resilienz der Lieferketten zu stärken und nicht so sehr über Rückverlagerung von Produktionen zu diskutieren sei und leitete zum nächsten Themenblock über.

 Block B: Leistungsfähige Seehäfen und eine moderne Infrastruktur sichern die Zukunftsfähigkeit der deutschen maritimen Wirtschaft

MHF ZDS Daniel Hosseus 2021 450x600px v1Daniel Hosseus, Hauptgeschäftsführer Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe e. V. (ZDS)
Daniel Hosseus
, Hauptgeschäftsführer Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe e. V. (ZDS), stellte in dem einführenden Video heraus, dass die Seehafenbetriebe an der Nord- und Ostsee jedes Jahr etwa 280 Mio. Tonnen Güter (Container, Erze, Autos, Stückgut, …) umschlagen und Deutschland mit Energie versorgen. Damit sichern die Häfen bundesweit rund 1,35 Mio. Arbeitsplätze in der hafenabhängigen Industrie. Die Coronakrise hat die Systemrelevanz deutlich aufgezeigt. Im internationalen Wettbewerb stehen die Häfen immer stärker unter Druck – nicht nur durch Belgien und Holland, sondern auch immer mehr durch Häfen im Ostsee- und Mittelmeerraum. Die Prozesse müssen sich immer schneller Wandeln durch die Notwendigkeit zur Anpassung an Nachhaltigkeit und der Digitalisierung der Betriebe. Dies erfordert viele Ressourcen, um im Wettbewerb und dem Transformationsdruck bestehen zu können.

Von der Politik erwartet er einerseits Grundlagenarbeit, fairen Wettbewerb und das klare Bekenntnis zur Transformation in den Häfen sowie eine zukunftsgerechte Infrastruktur in diesen. Konkret benannte Daniel Hosseus im Wettbewerb mit den anderen Häfen die Gleichstellung bei den Einfuhr- und Umsatzsteuern gegenüber Belgien und den Niederlanden. Im Wettbewerb mit den mächtigen Container-Schifffahrtslinien, die sich zunehmend auch zu Konkurrenten der Hafenbetriebe entwickeln würden, forderte er Anpassungen der Sonderstellung im Steuer- und Kartellrecht an die Markterfordernisse. Für die digitale Transformation bekräftigte er die Wichtigkeit des Förderprogramms IHATEC und das Vertrauen auf die Zusammenarbeit der Sozialpartner. Er sah weiterhin Bedarf für die Förderung der Klimaschutztransformation, um den Kohleausstieg zu begleiten oder die Umrüstung von Spezialgeräten wie Greifstapler, Portalhubwagen auf umweltfreundlichere Modell erleichtern. Mit Hervorheben der zukunftsfähigen Infrastruktur als die wichtige Grundlage für den Erfolg der Häfen leitete er zu Herrn Anders über.

MHF IHK Nord Alexander Anders 2021 Alexander Anders, Geschäftsführer IHK Nord e.V.
Alexander Anders
, Geschäftsführer IHK Nord e.V. bezeichnete die maritime Wirtschaft als das Tor zur Welt der Industrie: Denn drei Viertel der Exporte laufen über deutsche Seehäfen genauso wie auch ein Drittel des Binnenhandels innerhalb Europas. Damit sind run 400.000 Menschen direkt oder indirekt in dieser Branche beschäftigt. Die Herausforderungen sind vielfältig wie z.B. die neuen Antriebstechnologien in allen Verkehrsträgern. Da es bis jetzt nur konventionelle Tankstellen gibt, müssen im großen Stil E-Ladesäulen angeschafft und Wasserstofftankstellen gebaut werden. Das gilt für die Schiene, die Straße und auch die Wasserwege. Er monierte die Klagezeiten von durchschnittlich zehn Monaten beim Bundesverwaltungsgericht gegen endlich geplante Infrastrukturvorhaben. Herr Anders mahnte, dass hier eine deutliche Beschleunigung stattfinden müsse, damit Deutschland im internationalen und aber auch schon im europäischen Wettbewerb überhaupt noch mithalten kann.

Er betonte in der Diskussion eine leistungsfähige und zukunftsorientierte Infrastruktur, deren Wichtigkeit sich auch aktuell an der Krise im Suezkanal zeige. Im Vergleich würde ein Ausfall der Köhlbrandbrücke in Hamburg dazu führen, dass der Hamburger Hafen und der Hinterlandverkehr ziemlich eingeschränkt würde. Das betrifft grundsätzlich auch immer Schifffahrt, Schiene und Straße. Zusätzlich zeige die Coronakrise deutlich, dass auch hier die Digitalisierungsprozesse in den Lieferketten immens wichtig, noch deutlich auszubauen und zu beschleunigen sind. Die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe (LNG, Wasserstoff) sollte jetzt schnell und effizient ausgebaut werden, damit Deutschland nicht nur Klimaziele erreiche, sondern dort auch zum Technologieführer aufsteigt. Dafür wünschte er sich mehr Unterstützung von Bund und Ländern – gerade für Norddeutschland. So erinnerte er daran, dass in dieser Krise nicht nur ans Konsumieren, sondern auch ans Investieren zu denken sei.

 

„Wir leben in einer Zeit, wo man Herausforderungen erkennt und bis man sie abgearbeitet hat, da freut sich die nächste Generation darüber!“,

sagt Norbert Brackmann, Maritimer Koordinator der Bundesregierung

 

Herr Brackmann führte aus, dass am Beispiel der Elbvertiefung deutlich wird, dass wir unsere Entscheidungs- und Realisierungsprozesse deutlich verschlanken und beschleunigen müssen und trotzdem müssen wir uns perspektivisch ein langfristiges Denken angewöhnen. Da wir ein Energieimportland bleiben werden, sollten wir heute bereits die Basis und Infrastruktur in deutschen Häfen für alternative Kraftstoffe wie E-Fuels, Wasserstoff als Ersatz der fossilen Brennstoffe schaffen. Das sollte deutlich schneller erfolgen, als beim Bau des ersten LNG-Terminals! Dies sollten die deutschen Häfen auch als Zukunftschance begreifen. Deutsche Häfen sollten sich als Energiehäfen im europäischen Wettbewerb positionieren.

Moderator Stefan Evers wollte dann wissen: "Welche Rolle spielt die Modernisierung mit den Aspekten wie die Energieversorgung oder Digitalisierung? Welche Rolle spielen die Seehäfen für die deutsche Wirtschaft?"

Professor Felbermayr antwortete, dass Deutschland nur gewinnen könne, wenn die Knotenpunkte der globalen Logistiksysteme effizient bedient werden. Gerade in der Krise wird deutlich, was die Daten der automatisierten Containerschifffahrt zeigen: Umschlagzeiten sinken, Frachtraten erhöhen sich und das belastet die Kapazitäten. Damit verbunden steigen die Kosten bei deutschen Unternehmen. Für die Digitalisierung steht im maritimen Verkehr noch ein weiter Weg bevor, denn derzeit ist immer noch sehr viel Papier dabei. Deutschland sollte ein großes Interesse am sicheren Aufbau dieser Systeme haben und Technologien wie die Blockchain mitgestalten. Diese neuen Technologien sollten nicht mit Bürokratie und Regelungswut erstickt werden, sondern helfen, die Logistikketten schneller und sicherer zu organisieren. Denn Deutschland ist trotz der relativen geringen Größe der aktivste Handelspartner in den G7-Staaten. 

Anschließend gab Stefan Evers die Frage aus dem Chat von Rüdiger Hanning weiter: "Welche Bedeutung hat die Küstenschifffahrt und traditionsreiche Binnenschifffahrt?"

Professor Felbermayr stellte heraus, dass Feederverkehre sehr wichtig sind, damit die zentralen Hubs überhaupt funktionieren können und beste Zulieferbedingungen benötigen. Zum Beispiel ist der Nordostseekanal (NOK) ein wesentlicher Bestandteil und lässt damit den Hamburger Hafen auch als Ostseehafen für die internationalen Handelslinien fungieren. Für die Decarbonisierung müssen seiner Meinung nach die Wasserstraßen eine größere Rolle im Verhältnis zu den Straßen einnehmen. Daher sollte jetzt auch mit den nötigen Ausbaumaßnahmen begonnen werden.

Daniel Hosseus ergänzte, dass der große Wettbewerbsvorteil deutscher Seehäfen gerade auch in der Hinterlandanbindung mit der Eisenbahn liegt. So läuft z.B. 40 % des Verkehrs des Hamburger Hafens effizient und umweltfreundlich über die Schiene nach Südosteuropa und Süddeutschland.

Auch Herr Anders führte aus, dass der Hamburger Hafen dringend gestärkt werden solle durch die Fahrrinnenvertiefung der Elbe in den Osten hinein. Jedoch sind die Planungszeiten und Perspektiven so langsam, dass viele die Realisierung wohl nicht mehr erleben werden. Die Binnenschifffahrt ist jedenfalls ein grüner Verkehrsträger, der als Alternative gut in der Zukunft als Faktor der maritimen Wirtschaft zu nutzen wäre.

 Block C: Sicherung des maritimen Know Hows für Deutschland und Europa

MHF VDR Ralf Nagel 2021 Verband Deutscher ReederRalf Nagel, Senator a.D., Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied Verband Deutscher Reeder
Ralf Nagel
vom Verband Deutscher Reeder (VDR) führte an, dass sich die deutsche Handelsflotte in den letzten 10 Jahren deutlich reduzierte. Jedoch sei die Handelsflotte von der Tonnage her immer noch doppelt so hoch wie vor dem Boom. Rund 2.000 Schiffe und damit Betriebsstätten sind ins Ausland verkauft. Trotzdem sei eine Stabilisierung im Bereich des seefahrenden Personals bei der Beschäftigung und der Ausbildung durch die gemeinsame Anstrengung mit der Politik gelungen. Er bedankte sich für die Verlängerung des entsprechenden Unterstützungspaketes in dieser Legislaturperiode durch die Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat um 6 Jahre. Es ist ein Problem, gerade junge Leute für die Seefahrt zu gewinnen. Auch das wird auf der NMK zu thematisieren sein, wie die Werbung um den Nachwuchs verbessert und verstärkt wird. Maritime Dienstleistung sollte in Deutschland nicht nur gehalten werden, sondern auch zusätzlich neu angesiedelt werden. Der deutsche Standort sollte ausgebaut werden als maritimer Standort. Gerade auch steuerlich sei vieles zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, denn innerhalb von Europa verfüge Deutschland über die höchsten Registergebühren. Dabei sei ein Vergleich z.B. mit Singapur schlicht nicht realistisch möglich. Gleichermaßen habe man beim Thema Schiffsfinanzierung zusammen mit der Politik noch keine Lösung gefunden. Ausgehend davon, dass Deutschland mal die jüngste Flotte hatte, liegt Deutschland nun gerade noch leicht unter dem weltweiten Durchschnitt von 12 Jahren. Von daher müsse dringend in neue Schiffe investiert und insbesondere CO2-freie Schiffe mit CO2-freien Treibstoffen hergestellt werden. Er stellte heraus, dass die Verbrennermotoren dabei unverzichtbar wären, um sie z. B. mit synthetischen Gasen zu betreiben. Ganz besonders sollten die Einnahmen aus dem sogenannten Green Deal / ETS Handel in Europa nicht nur als zusätzliche Einnahmequelle genutzt werden, sondern eher als spezielle Möglichkeit, in neue Schiffe zu investieren.

 

„Wir wollen. Wir können. Wir müssen nur gemeinsam darauf achten, dass die richtigen Rahmenbedingungen am Standort entschieden werden!“,

mahnt Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied Verband Deutscher Reeder e.V. (VDR)

 

Dr. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer Verband für Schiffbau und Meerestechnik e.V.
Dr. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer Verband für Schiffbau und Meerestechnik e.V

Dr. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer Verband für Schiffbau und Meerestechnik e. V. (VSM), verwies auf die Wertschöpfungsstudie vom BMWi für die maritime Wirtschaft, die in den kommenden Wochen veröffentlicht wird: Die herstellende Seite der maritimen Wirtschaft steht für 43 % des Umsatzes und sogar 47 % der Beschäftigung. Knowhow ist das grundsätzliche Lebenselixier und darauf basiert dieses Geschäftsmodell der Branche. Daher wird dort auch im Vergleich zu anderen herstellenden Branchen überdurchschnittlich in Ausbildung investiert. Er lobte die Spitzenausbildung an den Hochschulen und zusätzlich bedürfe es auch hoher Investitionen in die Forschung und Entwicklung. Auch sieht er die Notwendigkeit, sich besser auf das mögliche Ausnutzen von strategischen Abhängigkeiten in der internationalen Arbeitsteilung und die massive Schieflage in der Wettbewerbsfähigkeit besonders mit Blick auf China einzustellen. So stellte China seit dem Beschluss 2005, die größte Schiffbaunation zu werden, über 100 Mrd. € Subventionen zur Verfügung. Gleichzeitig exportieren deutsche Werften rund 90 % in die Welt und die Zulieferer rund 70 %. Damit sind die Exporte extrem wichtig, aber ein fairer Wettbewerb ist für deutsche Unternehmen auf dem internationalen Feld des Schiffbaus so nicht möglich und der Binnenmarkt wurde bisher nicht gestärkt.

Mit Hinblick auf China lenkte Herr Lüken den Fokus auf die strategische zivile und militärische Fusion (civil military fusion), sodass die Technologien aus der zivilen Wirtschaft genutzt werden, um bei der Rüstungstechnologie schneller Fortschritte zu erzielen. Dies ist ein entscheidender Motivationsfaktor für China mit nun einer Verzwanzigfachung der Produktionskapazitäten in 8 Jahren und bringe massive Überkapazitäten mit sich. Gegen diese Wettbewerbsverzerrungen müsse dringend neue Lösungen gefunden werden. Für den effizienten Bau von Marineschiffen wird eben auch dringend die zivile Zusammenarbeit in Europa benötigt. Ebenso unterstützt er die Ansicht, dass der Verbrennermotor mit neuen Energiewandlern und klimaneutralen Kraftstoffen weiterhin als Antrieb in der Zukunft gebraucht wird.

Der Maritime Korrdinator Norbert Brackmann ist sich bewusst, dass der Zusammenschluss und Zusammenhalt auf europäischer Ebene immens wichtig ist und vor allen Dingen auch an der Seite Amerikas mit Blick auf China. Für einen weiteren Erfolg auf dem Markt sei, beihilfekonform in Innovationen zu investieren, damit qualitativ und technisch hochwertige Schiffe angeboten werden können. Auch das Angebotsportfolio sollte verbreitert werden, um den über 80% Anteil der Kreuzfahrt am deutschen Schiffbau auszugleichen und erfolgreich zu diversifizieren. Gleichzeitig ist durch die Erklärung des Überwasserschiffbaus zur nationalen Schlüsseltechnologie die Basis für eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Marine und Industrie geschaffen worden, die es ermöglicht, der Marine hochqualifiziertes Gerät zur Verfügung zu stellen und hochqualifizierte Arbeitsplätze und maritimes Know-how in Deutschland zu halten.

Schlussdiskussionen

Die weiteren wesentlichen Fragen aus der Anschlussdiskussion fasste Moderator Stefan Evers jeweils wie folgt zusammen:

Wo stehen wir denn mit dem Tiefwasserabbau von Mineralien, einer absoluten Zukunftstechnologie?

Herr Dr. Lüken erklärte, dass Deutschland im Tiefseebergbau über viel Technologie und Expertise für diese hoch anspruchsvollen Herausforderungen verfüge. Ob der Standort dafür in Deutschland wirklich gut sei, angesichts vieler grundsätzlicher Bedenkenträger in puncto Umweltauswirkungen, hinterfragte er. Trotzdem betonte er, dass es ein sehr wichtiges, langfristiges Thema sei, das gerade für ein rohstoffarmes wie Deutschland sehr wichtig ist - auf jeden Fall mehr als der Bergbau auf fernen Sternen.

Daniel Hosseus ergänzte: „Der internationale Wettbewerb gilt sehr wohl auch für die Hafenwirtschaft.“ Insbesondere sind hier Trends zu bemerken, die immer mehr China, Singapur oder arabische Staaten berücksichtigen, die nicht nach den gleichen Regeln agieren.

Herr Suhr: "Wie lange können wir uns noch eine föderalistische Schiffsoffiziersausbildung leisten? Sollte nicht mehr zentral entschieden, vereinheitlicht und beschleunigt werden?"

Norbert Brackmann antwortete, dass er das Problem genauso sehe. Der fehlende Nachwuchs lässt den wirtschaftlichen Betrieb einiger Ausbildungsstandorte nicht mehr zu. Auch wenn ein direkter Eingriff in die Landeskompetenzen nicht möglich ist, unterstütze der Bund verschiedene Ausbildunsgsstandorte wie die Seefahrtsschule in Flensburg oder das AFZ in Rostock durch Fördermittel. Damit werde gezielt in die Ausbildung von seemännischem Nachwuchs investiert. Gleichzeitig sei es wichtig, dass die deutschen Seefahrtsschulen stärker zusammenarbeiten und dadurch an europäischem und internationalem Renommee gewinnen.

Moritz Brake stellte heraus, dass wir in der föderalistischen Ausbildung bereits eine sehr intensive Rolle des Bundes durch das Bundesamt für Seeschifffahrt & Hydrographie (BSH) in einer Sonderrolle haben. Diese Bundesbehörde sorgt dafür, dass internationale Vertragsverpflichtungen Deutschlands in der Ausbildung durchgesetzt werden. Also muss trotz Freiheit der Lehre immer auch alles, was Patente anbelangt, internationale Standards einhalten und diese gegenüber der IMO garantieren. Seiner Ansicht nach sei es gut, dass Nautiker an verschiedenen Stellen auch an Hochschulen ausgebildet werden, da das dazu führt, dass das Thema Meer umfassender gedacht werden.

Frau Junker: "Welche Möglichkeiten gibt es die Arbeitsplätze in der Maritimen Industrie im Schiffsbau und den maritimen Zulieferern die Arbeitsplätze zu erhalten. Wie sieht die Planung aus?"

Reinhard Lüken (VSM) stellte klar, dass sie optimistisch für den Kreuzfahrtmarkt nach Corona denken, denn die Menschen wollen reisen und das Produkt Kreuzfahrt ist ungebrochen beliebt. Jedoch habe die Kreuzfahrtbranche sehr viel Geld durch die Coronakrise verloren: So machten allein im Jahr 2020 die beiden zwei größten Kreuzfahrtunternehmen zusammen über 20 Mrd. $ Verlust. Und diese Verluste setzen sich aktuell leider auch in 2021 fort. Deshalb wird es europaweit wohl keine signifikanten Bestellungen im Kreuzfahrtsektor vor dem Jahr 2024 geben. Da der gesamte europäische Schiffbau der maritimen Wirtschaft zu 80 % auf diesem einem Produkt basiert, gibt es eine große Lücke. Vor diesem Hintergrund ist auch auf der NMK zu überlegen, wie man sich insgesamt in der Zukunft breiter aufstellen und das gesamte Knowhow in eine breitere Produktpalette einfließen lassen könne. Herr Lüken sieht aber auch einen großen Bedarf in Europa besonders im Fährverkehr, bei Spezialtransporten allein schon im EU-Intraverkehr. Daher ist dieser Punkt mit der Politik zu diskutieren, wie dieser Markt wieder gestärkt werden kann und das besonders in Verbindung mit Zukunftsinvestitionen und um bessere Klimaneutralität zu gestalten. Ziel sollte es sein, die modernste, klimaneutralste und sichere Verkehrsinfrastruktur In Europa gemeinsam mit einem geeignetem Förderungspaket zu schaffen, die über Schaffung einer Grundlast auch wieder weitere Investitionen im Binnen-EU-Markt auslösen kann.

Schließlich bedankte sich Moderator Stefan Evers für die facettenreiche Diskussion und die gelungenen Beiträge als Teaser für die Nationale Maritime Konferenz 2021.

Herr Ralf Nagel hob das „maritime Feuer“ hervor, das während der Konferenz deutlich zu spüren war und beendete die Konferenz mit dem Resümee: „Wir können was. Wir wollen was. Lassen Sie uns was daraus machen!“, um mit diesem Ansatz in die Nationale Maritime Konferenz zu gehen!

Mit dem Ausblick auf den nächsten Termin des Maritimen Hauptstadt Forums am 3. Juni 2021 ab 18 Uhr zu den umweltpolitischen Dimensionen der Meere (UN Ocean Decade, Green Deal) schloss die Veranstaltung mit rund 130 durchgängig aktiven Webteilnehmern erfolgreich.

 

Bitte Termine vormerken:
Nationale Maritime Konferenz (NMK) 2021 am 10. und 11. Mai
Maritimer After Work Club am 3. Juni 2021 Fokus: UN Ocean Decade bis Green Deal

 

Weitere Informationen:

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Legende

Text/Fotomontagen: MHF Berlin/Klaus-Dieter Floegel
Fotos: Alexander Anders © Alexander Anders, Christian Bock © COE CSW, Norbert Brackmann © BMWi/Susanne Eriksson, Gabriel Felbermayr © IfW Kiel Michael Stefan, Daniel Hosseus © ZDS / Hendrik Lüders Fotografie, Reinhard Lüken © VSM, Ralf Nagel © VDR/Bina Engel
Introvideo © ifw Kiel, DMI